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Ich bin Griechenland

19 Februar 2015,   By ,   13 Comments

Können wir bitte mal über Geld reden?Gr_Palmen

Ich weiß, das macht man normal nur in der Politik. Griechenland ist pleite, der Rubel rollt bergab und überhaupt muss man ständig mit dem Platzen von Kredit- und Immobilienblasen rechnen.

Facebook-Kontostand.

Privat geht es uns ja allen super. Wir posten in den sozialen Medien, auf welcher angesagten Party wir wieder Champagner getrunken und welchen Urlaub wir uns gegönnt haben oder liken diejenigen, die gerade Unsummen für die Aktualisierung ihres Facebook-Beziehungsstatus auf „ist verheiratet mit…“ ausgegeben haben.

Zur Not muss man solche Dinge sogar inszenieren (ist glaub ich schon ein Geschäftsmodell in Asien), um sich bloß nicht als „arm“ zu outen.

Meldusa_mlDie Realität sieht anders aus.

Also zumindest bei mir. Und ich will jetzt bitte kein Mitleid. Ich will nur schreiben, wie es wirklich ist.

Ich werde von allen Seiten bewundert, dass ich den Schritt in die Selbständigkeit „gewagt“ habe.

Fakt ist: Ich habe das aus der Arbeitslosigkeit heraus getan, weil ich einfach keinen Job gefunden habe.

Auf meiner Webseite und auf FB, Twitter und Xing sieht jeder, wie aktiv ich jetzt bin.

Ständig berichte ich von irgendwelchen Fachgruppen-Veranstaltungen, Networking-Events und Kundenterminen. Ich habe viele Anfragen und Interessenten. Das ist auch alles wirklich toll und ich habe das Gefühl, dass meine Dienstleistungen geschätzt und gefragt sind. Ich habe ein großes Netzwerk und finde, dass ich darin viel bewege.

„Schein-bar“ geht es mir gut.

Aber finanziell bleibt davon nicht viel hängen. Die bezahlten Aufträge halten sich in Grenzen. Immer häufiger bekomme ich Tauschangebote (etwa: Meine Texte gegen sein Coaching oder ihre hausgemachte Marmelade), weil Einzelunternehmer scheinbar generell kein Geld für ihr Marketing ausgeben wollen oder können. Und große Firmen wie Manner in Keksen bezahlen, siehe hier.

Die Fixkosten bleiben oder wachsen sogar. Das Leben in Wien ist teuer. Und ich will es genießen.

Gr_TempelAlso war ich bei meiner Bank.

Man hört ja in den Medien, dass die Zinsen niedrig und die Konditionen günstig sind. Die Politiker hoffen darauf, dass die Unternehmer eben jetzt investieren, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das halte ich für eine gute Idee.

Als risikofreudige und entscheidungsstarke Jungunternehmerin mit vielen guten Ideen bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen und mit gutem Beispiel voranzugehen.

Der schlecht informierte Bankberater holte ein paar Formulare aus dem Drucker.

Darauf standen Dinge wie „Sicherheiten“. Eine leere Zeile, in die ich einen Bürgen eintragen soll. Mit österreichischer Sozialversicherungsnummer, bitte.

Gr_BannerTja, das war’s dann also.

Ich gehe doch gerade deswegen zur Bank, weil alle anderen Mittel ausgereizt sind! Ich bin eine moderne, erwachsene Frau, die im Ausland („nur“ im Nachbarland, aber dennoch) lebt und werde sicher nicht meinen Vater oder irgendwen um so eine Unterschrift bitten.

Das ist erniedrigend. Ich bin selbständig und will aufgrund meiner selbst und nicht aufgrund meiner Familie oder Bekannten beurteilt werden. Und wenn sich die Bank die dafür nötigen Daten aus anderen EU-Ländern holen muss, bitte gerne!Gr_Säule

Während die österreichische Regierung über dem Crowdfunding-Gesetz brütet, muss ich mir jetzt überlegen, ob ich mit meinem letzten Geld lieber die nächste Miete oder die Sozialversicherung für das laufende Quartal zahle.

Und ich weiß, dass es vielen Jungunternehmern ähnlich geht. Bzw. schlechter.

Ich fühle mich wieder wie damals vor zehn Jahren, als ich als armes, aber talentiertes Arbeiterkind BaföG-Anträge ausfüllte, um irgendwie mein Studium in München zu finanzieren.

Noch ein Formular mehr.

Heuer wäre auch die Rückzahlung dieser 6.000 Euro dran. Ob ein Aufschub aufgrund meiner schwierigen Finanzlage genehmigt wird, erfahre ich in den nächsten Wochen.

Was mache ich falsch im Leben, dass ich immer wieder die Bittstellerin sein muss? Oder was macht die Gesellschaft falsch, wenn sie mir keine anderen Möglichkeiten bietet?

Zum Glück war ich schon ganz am Boden und weiß, dass ich auch von der Mindestsicherung leben kann.

Kein EU-Bürger muss verhungern.Gr_Vase

Aber das reicht mir ehrlich gesagt nicht als Lebensperspektive.

Ich habe einen neuen Freund, der mir teure Geschenke macht. Und ich würde das gerne genießen können, ohne überlegen zu müssen, ob ich die teuren Schuhe nicht vielleicht gegen Cash eintauschen könnte. Oder gegen zehn Paar billige Schuhe.

Reichtum ist mehr als Geld.

Ich versuche auch, das esoterisch zu sehen und mich darüber zu freuen, was ich statt Geld in meinem Leben habe: Gesundheit, Freunde, Frieden. Ja, das ist auch toll und nicht selbstverständlich.

Trotzdem leben wir in einer Konsumgesellschaft.

Ich hätte gerne ein Haus, ein Auto und eine Familie. Oder so ähnlich.

Wie geht es nun weiter?

Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich auch einfach mal bocken und meine Rechnungen nicht zahlen. Wie Griechenland.

Mal schauen, wie weit wir damit kommen.

Gr_Krieger

Fortsetzung folgt…

 

Urheberrecht Bilder:

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13 Comments:

  1. Bin gespannt auf die Fortsetzung…

  2. Gerhard sagt:

    Sehr mutig und sehr ehrlich. Gratuliere Dir dazu. Ich finde es wichtig, dass diese Probleme angesprochen werden. Selbständig ist kein Honig lecken, so wie sich das viele vorstellen und passiert auch oft aus der Not oder aus der Eigenverantwortung heraus, der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Dann ist man aber wirklich “selbst” und das “ständig”.
    Wenn wir uns die Ungerechtigkeit der Besteuerung und der Sozialversicherungsbeiträgen ansieht DARF man sich hier nicht selbsständig machen. Warum? Weil kein junger Selbständiger mit diesen Beiträgen sein Risiko abdecken kann, Ich kann dir nur sagen – Kopf hoch! Darüber zu sprechen (schreiben) ist schon mal ein guter Anfang. Eventuell fällt mir auch etwas sinnvolles ein 🙂 LG
    Gerhard

  3. Oswald sagt:

    Vorher schreibst du, dass einer ein Foto von deinen schönen Beinen haben will. Dann regst dich darüber auf, wenn du mit deinen Bildern natürlich Interesse an dir weckst.

    Wieso machst du das nicht, dann hast du irgendwann Haus, Auto und Familie. Das ist immer so gegangen auf dieser Welt, nur die Frauen wissen das scheinbar nicht mehr. Als Frau kannst du aktiv einen Mann stärken, der dann natürlich auch für dich sorgt. Wieso unterstützt du keinen Mann? Wieso heiratest du nicht?

    Ist dir eigentlich bekannt, wie viele Männer dich gerne haben wollten?

    Cheers,
    Oswald

    • Mel sagt:

      Interessante Idee, Oswald.
      Ob du es glaubst, oder nicht, ich bin 30 und habe in meinem Leben noch keinen Heiratsantrag bekommen! 🙂
      Fotos schöner Beine gibt es im Internet milliardenweise, warum sollte jemand für meine zahlen? Ich bin auch kein Model, allein schon von den Maßen her.
      Ich weiß nicht, wie alt du bist, aber in der Tinder-Generation ist es auch überaus schwierig, einen Mann zu finden, der mehr als einen One Night Stand will.
      Ist also für mich noch keine überzeugende Geschäftsidee… erstmal werde ich weiter schreiben.

  4. Clemens Kukla sagt:

    Sehr ehrlicher Blog Melanie! Du bist eine der Wenigen, die sich mal in so eine Richtung etwas sagen trauen und nicht, wie du gut beschreibst, “rumprotzen” mit Dingen, die sie sich sowiso nicht leisten können, oder zumindest nicht auf Dauer.

    Es ist wichtig, sein Netzwerk weiter aufzubauen, um sich gegenseitig weiter zu empfehlen! Ich für meinen Teil, habe dich und deine Arbeit schätzen gelernt und werde dich, deine Arbeit und deine Blogs weiterempfehlen.

    Always positive! Auf eine erfolgreiche Zukunft!

  5. ich habe über 50 Jahre alt werden müssen um zu durchschauen, dass reden und tun gänzlich unterschiedlich sind. Österreich ist ein #mozartkugeldreherland. Unternehmertum wird schief angeschaut, Innovationen werden verhindert und behindert, vieles davon noch bevor ÖsterreicherInnen etwas bemerken. Zwangsmitgliedschaft bei der Kammer, Gewerbescheine und Steuern bevor noch ein einziger $ erwirtschaftet wird, Ungerechtigkeit bei Sozialversicherung für Selbständige im Vergleich zu Angestellten…
    Banken die nur Geld geben, wenn du keines brauchst…
    Politik die Unternehmertum und Entrepreneurship und Startups entdeckt, weil es sich super anhört, vieles seit Jahren ankündigt, aber wenig einlöst. Warum auch: Die Bevölkerung ist hauptsächlich alt oder über Parteien oder Staat und staatsnahe Organisationen versorgt…
    Familie und Freunde schauen dich ebenfalls komisch an: wärst du doch brav in deinem Job geblieben, aber nein!…
    Dafür leben Korruption, Einfallslosigkeit und Stillstand. Wenn in 500 Jahren Österreich aus Mittelalter 2.0 aufgewacht sein wird, komme ich gerne mit meinen Firmen nach Österreich zurück. Die sind nämlich schon im Silicon Valley…

  6. […] möchte mich an dieser Stelle für das überwältigende Feedback auf meinen letzten Blogbeitrag „Ich bin Griechenland“ […]

  7. Hans-Jörg Kettner sagt:

    Liebe Mel !

    ich habe mir zum ersten Mal erlaubt Deine Website zu besuchen, Ich weiß wir kennen uns erst sehr kurz und ich weiß als zukünftiger Kunde sollte ich Dir so etwas nicht schreiben, aber es liegt mir am Herzen Dir zu sagen, dass ich den Eindruck hatte eine sehr gescheite intelligente Frau kennengelernt zu haben, die noch dazu sehr kreativ ist. Deshalb bin ich sicher Du schaffst es und du wirst alles erreichen was du Dir wünscht, auch ohne Bilder von Dir vermarkten zu müssen.

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